David von Oheimb's Photo Gallery: Ortler, Italy, 23 Aug 2004

Ortler is a mighty and beautiful ice-capped mountain, the highest in the Eastern half of the Alps. We climbed it within just a day return, which was quite strenous. Imprudently, we did not take a rope and I had bad crampons, which turned out to be quite dangerous, but thanks God we returned safe. Der Ortler ist ein Prachtexemplar von einem Berg. Der mächtige Felskopf des König Ortler mit seiner dicken im wahrsten Sinne des Wortes schneeweißen Gletschertolle thront majestätisch über dem Vinschgau. Mit seinen 3.905m ist er die höchste Erhebung in Südtirol und überragt die gesamte östliche Alpenhälfte, insbesondere den Großglockner, den mit 3.798m höchsten Berg Österreichs. Wie es sich bei einem König gehört, sollte man ihm mit Respekt begegnen.

Hier gibt's einen Kartenausschnitt. Eine ausführliche Beschreibung einer Ortler-Überschreitung über Hintergrat und Tabarettagrat findet sich in Hochhäuser und Berge: Tour 444. Ein Tourenbeschreibung für den Ortler mit sehr schönen Bildern unter Steinmandl: Hochtouren in der Ortlergruppe.

Mein Ortler-Abenteuer

Seit ich ziemlich genau drei Jahre davor bei meiner ersten Hochtour auf dem Monte Cevedale war und schon beim Gipfelaufstieg von der Casatihütte aus der Ortler im goldenen Morgenlicht rechts hinter der Königspitze herübergrüßte, hegte ich den Wunsch, diesen wunderschönen, aber nicht ganz einfachen Berg einmal zu besteigen. Nach ein paar vagen Gelegenheiten, die sich wieder zerschlugen, rückte die Erfüllung dieses Traumes in greifbare Nähe: Markus (den ich über einen Freund vom CVJM-Sport hauptsächlich von einer Pürschling-Schlittenfahrt und einer kleinen Skitour auf den Osterfelderkopf kannte) hatte in der kommenden Woche frei und wollte mit Freunden/Kollegen auf dem Normalweg über den Tabarettagrat auf den Ortler gehen. Ich konnte mich spontan anschließen, während es bei den Anderen terminlich dann doch nicht geklappt hat. Aus Wetter- und Termingr√ľnden konnten wir erst am Morgen unseres Bergtages ins Vinschgau fahren, weshalb Markus vorschlug, mich um 3:15h in Gröbenzell abzuholen. Markus hat eine Bären-Kondition und mehr Bergerfahrung als ich, allerdings hat er im Gegensatz zu mir nie einen AV-Hochtourkurs mitgemacht und geht - was mir erst relativ spät klar wurde - zwar zum Teil mit Steigeisen, aber grundsätzlich nicht mit Gurt, Seil und Pickel, und übernachtet auch nicht gern auf Hütten. Deshalb wollte er den Ortler auch als Tagestour gehen (wohingegen man üblicherweise eine Übernachtung auf der Payerhütte, 3.020m, einbaut). Ich war mit ihm einig, dass man das mit guter Kondition auch ein einem Tag schaffen kann, und sah das als sportliche Herausforderung. Er war vor zwei Jahren schon mal auf dem Ortler gewesen (in nur der Hälfte der normalen Gehzeit!) und hatte die Tour als technisch relativ einfach und ungefährlich in Erinnerung, weswegen er überzeugt war, dass wir das an einem Tag locker schaffen und kein Seil benötigen würden. Minimale Ausrüstung erhöht natürlich die Beweglichkeit und vermeidet Verzögerungen durch die Handhabung des Geräts. Zudem hatte ich die Schlepperei von 20kg Ausrüstung, Nachtgepäck und Verpflegung drei Wochen vorher im Ötztal in unangenehmer Erinnerung. So kam es, dass ich trotz wohlmeinender Ermahnungen mehrerer Leute, die von meinem Vorhaben wussten, auf das sonst bei Gletschertouren obligatorische Seil verzichtete. Mir war allerdings schon mulmig dabei, denn erst am Samstag zuvor war jemand aus dem erweiterten Bekanntenkreis (beim Klettern) tödlich abgestürzt, und die Vorstellung, in eine von zu dünnem Schnee kaschierte Gletscherspalte einzubrechen und ungebremst vielleicht 50m zwischen steinharten, unebenen, nahezu senkrechten Wänden herabzustürzen, war nicht sehr erbaulich.
Ich gehe früh ins Bett (gegen 20:30h), kann aber sehr lange nicht einschlafen, nicht zuletzt weil ich innerlich doch recht unruhig bin wegen des Risikos, dem ich mich da sehenden Auges aussetze. Ich stehe nochmal auf, werfe den Computer an und suche im Web nach Hinweisen auf die Spaltensituation, die mir am meisten Sorgen macht. In einem online-Bergsteigerforum finde ich einen Eintrag vom 19.08.2004 zum Ortler mit folgender Bemerkung: Abstieg über Tabarettagrat, am Wegstück von der Biwakschachtel ins Bärenloch ist wohl auch ein Teil vom Weg abgerutscht, ca. 5m abseilen auf Gletscher nötig. Daraufhin beschließe ich, vorsichtshalber immerhin Brust- und Hüftgurt einzupacken, in der Hoffnung, mich bei anderen Seilschaften "einklinken" zu k√∂nnen, falls es an manchen Stellen doch brenzliger werden sollte als Markus meint. Das beruhigt mich einigermaßen und ich schlafe endlich ein.
Anreise Markus ist Berufskraftfahrer und kennt die Strecke über den Fernpass in- und auswendig, so dass wir früh morgens ohne Verkehr die 260km (mit nur etwa 50km Autobahn-Anteil) nach Sulden am München in gut drei Stunden hinter uns gebracht haben. Wir starten um Punkt 7 Uhr vom Parkplatz des Sessellifts auf 1.840m. Wegen fehlender Markierung an dieser Stelle und der Ungenauigkeit der Kompass-Karte geraten wir erst ein wenig zu weit südlich auf die Skipiste und den Höhenweg Nr. 21, bis wir endlich den Steig Nr. 4 finden.

vom Reschensee

erste Sonne am Gipfel

Sulden

Zirbelkieferwald

Marltmoräne
Tabarettahütte (2.556 m)

 

 

Ortler-Ostwand, Hintergrat
Muttgraben Der Wetterbericht bestätigt sich: die Verhältnisse sind hervorragend! Sehr klare Luft mit leichtem Föhneinfluss. Die Null-Grad-Grenze liegt am Mittag bei 4.000m. Leichter bis frischer Wind aus Nordwest, in exponierten Lagen etwas zugig. Solange wir uns im Windschatten aufhalten, genügt ein kurzärmeliges Hemd.

hinten: Weißkugel

mit Tele

über mir: Payerhütte

Gipfel, links Cevedale

Payerhütte
(3.020 m)

links thront die Hütte

Erstbesteigung vor 200 Jahren

hinten rechts: Ötztaler
Tabarettagrat
Ausblicke

Stilfser Joch

Martlmoräne

Suldner Berge mit Vertainspitze

Tabarettagrat
Klettern
Kletterei im Schwierigkeitsgrad meist I-II, an der Schlüsselstelle, die nach beiden Seiten sehr ausgesetzt ist an der es einen Haken, aber leider kein Fixseil gibt, auch II+/III-. Sie bereit mir im Aufstieg noch keine Probleme, wohl aber später beim Abstieg, als ich physisch wie psychisch etwas geschwächt bin. Am Grat muss man zur "rush hour" mit Wartezeiten von einer Stunde rechnen, bis sich die zum Teil größeren Seilschaften mit ungeübten Kletterern, am Seil gesichert, durchgequält haben. Die meisten Gruppen gehen übrigens - so sieht es jedenfalls aus - mit Bergführer. Am Wandl gibt es Ketten (die im Bild wegen der geringen Auflösung nicht erkennbar sind).

 

Tschierfeck-Wandl

 

heftiger 2m-Abschwung

Bärenloch
Ausblicke

Größenunterschied!

 

oben Windfahnen!
Bärenloch
Eisflanke
Im unteren Bereich des Bärenlochs, wie auch im oberen Ortlerplateau, können wir problemlos ohne Steigeisen gehen. Im Eis in der Umgebung des Lombardi-Biwaks und Teschierfecks sind allerdings harte Flanken bis zu ca. 40° und große Spalten zu überwinden. Direkt unter dem Biwak hängt eine Seilschaft im offenbar sehr unangenehmen Fels, und so beschließen wir, diese heikle Stelle nach rechts über eine schräge Eiswand und ein schmales Felsband zu umgehen. Das ist der übliche Weg, den sich wohl wegen der Vereisung des Untergrunds heute anscheinend noch keiner getraut hat. Wir müssen die Steigeisen etwas fester eintreten, aber es geht ganz ordentlich.

links Lombardi-Biwak

Eiswand mit Felsband

 

 

Oberer
Ortlerferner
Diese Schnee- und Eislandschaft ab 3.300m Höhe ist echt ein Traum! Besonders begeistern mich die senkrechten etwa 50-100m hohen Eiswände, die auf bestimmt 1.200m um 70-80° geneigte eisige Rinne der Nordwand, und die leichten Schneeverwehungen. Auf fast der gesamten Strecke ist der Gletscher sehr gut zu gehen: ca. 5cm tief aufgefirnt - griffiger Schnee, in den man andererseits nicht einsinkt.

 

 

 

 

Nordwand

Großvenediger
überm Wolkenmeer

 
 

 
 

 

 

 

 

Gipfel Nachdem die letzten 300 Höhenmeter des oberen angenehm flachen Plateaus hinter uns gebracht haben, erreichen wir gegen 14 Uhr die kleine Felsspitze des Gipfels. Nach Südosten mit Blick auf Königspitze und Cevedale finden wir eine Schneestufe, die sich hervorragend als Sonnenbank und für die Gipfelbrotzeit eignet. Da flattert ein kleiner weißer Schmetterling über uns hinweg - und das auf über 3.900m Höhe!

Richtung Nordosten

Tabarettagrat

Hintergrat

Ende-der-Welt-Ferner

 

im Hintergrund Bernina

Zufallspitzen, Cevedale

Königspitze

Oberer
Ortlerferner
Um 15 Uhr beginnen wir den Abstieg - oder sollte ich besser sagen, die Abfahrt? ;-) Markus lässt das Kind im Manne durchkommen, und ich jogge die ersten 300 Höhenmeter auch ganz locker ohne Steigeisen durch den nur leicht aufgefirnten Schnee abwärts.

Bergstation der Sulden-Seilbahn

Monoschlitten

 

Reschensee

 

 

 

 
Beim Abstieg wollen wir wieder das Biwak umgehen, allerdings finden meine etwas primitiven Steigeisen keinen guten Halt, und zweimal rutsche ich leicht ab, kann mich aber wieder fangen, was mich ziemlich Kraft und Nerven kostet. Markus schafft die kritischste Stelle etwas weiter unten, unter der eine Spalte gähnt, während ich Angst bekomme und beschließe, nun doch den Fels unterhalb des Biwaks vorzuziehen. Dort merke ich, wie elend bröselig das Gestein ist und verstehe nun die oben zitierte Bemerkung. Glücklicherweise ist gerade der letzte Mann einer großen Seilschaft dabei, sich dort abzuseilen, und ich habe ja mein Gurtzeug dabei! In das schlüpfe ich nun schnell hinein, er leiht mit netterweise auch noch seinen Abseilachter, und ich darf mich an seinem Seil abseilen (leider kein Foto). Beim Abstützen mit den Schuhen an der senkrechten Wand bröckelt eine Menge Material aus dem Fels, aber am Seil hängend stört das nicht. Am Fuß der Wand angekommen, rutsche ich (weil ich in dem Moment keine Eisen an den Füßen habe) fast noch auf dem vereisten Schuttkegel ab! Etwas kleinlaut frage ich, ob ich mich für den Abstieg durchs Bärenloch mit in die Seilschaft einklinken darf, was der Gruppe aber sehr unrecht ist, weil sie selbst schon viel später dran sind als geplant, und sie machen mir und meinem Begleiter, der weiter unten wartet, berechtigte Vorwürfe. Schließlich gehen sie ohne mich los, und als ich nachkomme und das erste Spaltenloch mit einem großen Schritt überquere, bricht mein linker Stock - trotz großem Schneeteller - ins Bodenlose durch! Ich selbst komme mit einem leisen Schauer davon...

Lombardi-Biwak von oben

 

Markus in der Steilflanke

Eisen in der Mitte ohne Zacken!

Tabarettagrat Nach dem unangenehmen Abwärtsklettern am luftigen Grat bin ich heilfroh, die gefährlichen Stellen nun hinter mir zu haben. Kurz bevor wir die Scharte westlich der Tabarettaspitze durchsteigen, erleben wir innerhalb von etwa 20 Minuten dreimal ein besonders Schauspiel: Auf gleicher Höhe wie wir, ca. 200m Luftlinie entfernt, bricht vom unteren Gletscherrand eine etwa 20m hohe Eissäule heraus, stürzt donnernd herab, zerstäubt in kleinste Stücke und fließt übers Geröll ab, während sich eine kleine Wolke aus Eisstaub erhebt. Mir ist, als wollte der Gletscher sagen: Jungs, das nächste Mal seid ihr mir gefälligst respektvoller!

Biwak von unten

 

 

der Gletscher "kalbt"

Talabstieg Die Payerhütte hängt, von unten gesehen, wie ein Adlernest am Grat. Und als wir uns von oben nähern, kreist tatsächlich ein mächtiger, uralt aussehender Steinadler um die Hütte! (Leider habe ich die Kamera nicht schnell genug schussbereit.) Beim weiteren Abstieg keine besonderen Vorkommnisse, nur noch zügig runter. Markus tun von seinen harten, noch nicht richtig eingelaufenen steigeisenfesten Schuhen die Füße weh. Fast unten, im oberen Teil des Waldes, fällt mir das Oberteil meines Kugelschreibers am Wegrand ins Auge - das habe ich erst ganz oben beim Eintragen ins Gipfelbuch vermisst, und nun bekomme ich es doch noch wieder :-)

in der Payerhütte

 

letztes Sonnenlicht

St. Gertraud, Sulden

Kurz vor 21 Uhr erreichen wir wieder Sulden, gerade rechtzeitig, bevor wir in der Dämmerung den Weg nicht mehr richtig erkennen können. Wir fahren gleich nach Prad runter ins Etschtal, denn bis 22 Uhr können wir dort noch eine Pizza bekommen, die wir uns jetzt redlich verdient haben. Wir haben eine wunderschöne, ziemlich anstrengende und gefährliche Tour hinter uns - die heftigste, die ich bisher erlebt habe.
Am nächsten Tag ist es recht wolkig, und wir machen noch eine halbtägige Mountainbike-Tour im wunderschönen Vinschgau, in dessen milden, sonnenreichen Klima nicht nur Äpfel und Birnen, sondern sogar Pfirsiche und Kiwis gedeihen!
Wie schon Andere geschrieben haben, handelt es sich beim Ortler selbst unter günstigen Wetterbedingungen um eine nicht einfache hochalpine Gletschertour, die keinesfalls unterschätzt werden sollte. Stein- und Eisschlag sind fast an der Tagesordnung, und teilweise herrscht Lawinengefahr. Dass wir ohne Seil gegangen sind, war gerade nach dem sehr heißen Sommer 2003, der den Gletscherbrücken stark zugesetzt hat, unverantwortlich. Auf gut Bayrisch nennt man sowas Schutzengl strapaziern! Es hatten mehrere Leute um Bewahrung für uns gebetet, und Gott war gnädig mit uns, so dass wir beide heil unten angekommen sind. Ich habe mir nur einen kräftigen Muskelkater und Sonnenbrand auf den Lippen, die ich vergessen hatte einzucremen, eingefangen. Ich würde die Tour wieder machen, allerdings nur mit Seil und vernünftigen Steigeisen, und mit Leuten, die bereit und in der Lage sind, die Gerätschaften auch zum Einsatz zu bringen. Für den Aufstieg würde ich dann gern der Abwechslung halber - wenn jemand mit Kletter-Erfahrung den Vorstieg übernimmt - den etwas schwierigeren Hintergrat (III-IV) versuchen.

URL: http://David.von-Oheimb.de/gallery/Ortler/index.html, Last modified: Sat Dec 8 18:14:52 CET 2012